Fotografie für Einsteiger / Cord Allman & Criminal Code
Lerne den Bildaufbau.
Dann brich seine Regeln.
Cord Allman / das Handwerk
Meine erste Lektion war die Drittelregel. Die wichtigste war zu erkennen, wann man die Regeln der Fotografie bricht. Fang mit der Kamera an, die du hast. Darauf bauen wir auf.
Lektion 01
Gib dem Blick einen Ankerpunkt.
Cord Allman / das Handwerk
Teile das Bild in neun gleich große Rechtecke. Zwei senkrechte Linien, zwei waagerechte Linien. Platziere den wichtigen Teil deines Motivs einmal in der Nähe eines Schnittpunkts oder den Horizont entlang einer waagerechten Linie. Das gibt dir einen Ausgangspunkt, um das Motiv und den Raum darum ins Gleichgewicht zu bringen.
Probier das aus. Schalte das Raster deiner Kamera ein. Fotografiere dasselbe Motiv im linken Drittel, im rechten Drittel und dann in der Mitte. Bei welcher Platzierung fällt dir am besten auf, worauf es ankommt?
Lektion 02
Schau zuerst auf das Licht, dann auf die Einstellungen.
Cord Allman / das Handwerk
Achte auf seine Richtung und die Ränder seiner Schatten. Fensterlicht oder offener Schatten sind oft gute Bedingungen für den Anfang. Direkte Sonne erzeugt häufig härtere Schatten. Seitliches Licht macht Formen sichtbar; Licht hinter einem Motiv kann einen Lichtsaum oder eine Silhouette schaffen. Bewege dich oder dein Motiv und beobachte, was sich verändert.
Probier das aus. Stelle einen Gegenstand neben ein Fenster. Fotografiere ihn mit dem Fenster hinter dir, neben dir und dann hinter dem Gegenstand. Lass den Gegenstand stehen und vergleiche die Schatten.
Lektion 03
Drei Stellschrauben. Unterschiedliche Aufgaben.
Cord Allman / das Handwerk
Entscheide zuerst, was das Foto braucht. Ein stiller Moment? Ein bewegtes Motiv? Ein detailreicher Hintergrund? Blende und Verschlusszeit bestimmen, wie viel Licht den Sensor erreicht. ISO hilft, die Helligkeit des aufgezeichneten Bildes festzulegen. Sie wirken zusammen, doch jede Änderung hat andere Folgen.
f/2.8 → f/8
Blende
Die Öffnung im Objektiv. Eine kleinere Blendenzahl bedeutet eine größere Öffnung und mehr Licht. Eine größere Blendenzahl bedeutet eine kleinere Öffnung und weniger Licht.
Gestalterische Entscheidung: Bei gleichem Bildausschnitt und Fokusabstand erzeugt f/2.8 einen kleineren Bereich ausreichender Schärfe als f/8. Das nennt man Schärfentiefe. Auch Abstand und Brennweite spielen eine Rolle.
1/1000 s → 1/30 s
Verschlusszeit
Die Dauer der Belichtung. 1/1000 Sekunde ist kürzer als 1/30. Kürzere Zeiten lassen weniger Licht herein und helfen, Bewegungen einzufrieren; längere Zeiten lassen mehr Licht herein und können Bewegung als Unschärfe zeigen.
Gestalterische Entscheidung: Friere die Geste ein oder lass sie eine Spur hinterlassen. Ein Stativ stabilisiert die Kamera; es kann keine bewegte Person anhalten.
ISO 200 → ISO 1600
ISO
Bei gleicher Blende und Verschlusszeit führt ein höherer digitaler ISO-Wert in der Regel zu einem helleren Ergebnis. Er bringt kein zusätzliches Licht auf den Sensor.
Praktische Entscheidung: Erhöhe den Wert, wenn du bei wenig Licht eine kurze Verschlusszeit beibehalten musst. Aufnahmen bei wenig Licht zeigen oft mehr Rauschen. Ein scharfer Moment kann wichtiger sein als vollkommen glatte Pixel.
Eine Belichtungsstufe bedeutet eine Verdopplung oder Halbierung. Von 1/250 auf 1/500 Sekunde bedeutet eine Stufe weniger Licht. Das Öffnen von f/4 auf f/2.8 bringt etwa eine Stufe mehr und gleicht diese Änderung bei unverändertem ISO aus. Die Belichtungsautomatik kann Änderungen am Einstellrad ausgleichen; behalte deshalb die anderen Einstellungen im Blick.
Probier das aus. Fotografiere bei genügend Licht im Modus mit Zeitvorwahl eine bewegte Hand mit 1/30 und dann mit 1/500 Sekunde. Prüfe, ob die Kamera beide Bilder richtig belichten konnte, und vergleiche dann die Bewegung. Das sind Einstellungen zum Experimentieren, nicht die Einstellungen der Fotos auf dieser Seite.
Lektion 04
Du musst dir den manuellen Modus nicht verdienen.
Cord Allman / das Handwerk
Nutze den Modus, der dir die nächste Entscheidung erleichtert. Automatik ist ein guter Anfang. Versuche dann, eine Sache selbst zu steuern, während die Kamera beim Rest hilft. Prüfe nach einer Testaufnahme die tatsächliche Verschlusszeit und Helligkeit. Bezeichnungen und verfügbare Bedienelemente unterscheiden sich je nach Kamera.
| Modus | Deine Entscheidung | Nützlich, wenn |
|---|---|---|
| Auto / P | Auto trifft viele Entscheidungen. P wählt Blende und Verschlusszeit und lässt dir meist mehr Kontrolle über andere Einstellungen. | Du möchtest zuerst Sehen und Timing üben. |
| A / Av | Du stellst die Blende ein; die Kamera misst die Belichtung und wählt eine Verschlusszeit. | Dir ist wichtig, wie viel von der Szene scharf erscheint. |
| S / Tv | Du stellst die Verschlusszeit ein; die Kamera misst die Belichtung und wählt eine Blende. | Du möchtest Bewegung einfrieren oder mit Unschärfe experimentieren. |
| M | Du stellst Blende und Verschlusszeit ein. ISO kann fest eingestellt oder automatisch sein. | Du möchtest direkte Kontrolle, etwa bei gleichbleibender Beleuchtung. |
Zu hell oder zu dunkel? Probiere in einem geeigneten automatischen Belichtungsmodus die Belichtungskorrektur: + fordert ein helleres, − ein dunkleres Bild an. Sie ist keine zusätzliche Lichtquelle. Ihre Wirkung hängt vom Modus und von Auto-ISO ab; im vollständig manuellen Modus mit festem ISO musst du die Belichtungseinstellungen selbst ändern.
Probier das aus. Probiere für ein unbewegtes Motiv Blendenvorwahl und Auto-ISO aus. Wähle eine Blende, die dein Objektiv bietet, mache eine Aufnahme und prüfe die Verschlusszeit. Wenn Bewegung unscharf wird, erhöhe das verfügbare Licht oder wähle Einstellungen, die eine kürzere Verschlusszeit erlauben.
Lektion 05
Sag der Kamera, worauf es ankommt.
Cord Allman / das Handwerk
Lege den Fokus auf den Teil, den wir bemerken sollen. Beginne bei einem Porträt mit dem näheren Auge. Einzelautofokus (oft AF-S oder One Shot) eignet sich für ein unbewegtes Motiv; kontinuierlicher Autofokus (oft AF-C oder Servo) passt sich bei Bewegung laufend an. Augenerkennung kann helfen, wenn sie verfügbar ist. Prüfe, ob sie die richtige Person ausgewählt hat.
- Lerne den Auslöser kennen. Bei den meisten Kameras startet halbes Drücken die Fokussierung und Belichtungsmessung; vollständiges Drücken macht das Foto. Individuelle Tastenbelegungen können das ändern.
- Stütze die Kamera. Halte deine Ellbogen bequem und die Kamera ruhig. Drücke den Auslöser sanft.
- Sieh dir die Aufnahme genau an. Vergrößere den vorgesehenen Fokuspunkt. Prüfe falsche Fokussierung und Bewegungsunschärfe getrennt.
- Gib dir etwas Schärfentiefe. Eine sehr weit geöffnete Blende kann ein Auge oder eine zweite Person unscharf lassen. Probiere eine kleinere Öffnung, wenn mehr von der Szene scharf sein soll.
- Fotografierst du mit dem Handy? Reinige die Linse, tippe zum Fokussieren auf dein Motiv und passe die Helligkeit mit dem verfügbaren Regler an. Die Menüoptionen unterscheiden sich.
Probier das aus. Fotografiere einen unbewegten Gegenstand und dann jemanden beim Gehen, der gerne mitmacht. Vergleiche Einzelautofokus und kontinuierlichen Autofokus. Sieh nach, was scharf geblieben und was aus dem Fokus geraten ist.
Lektion 06
Gestalte das gesamte Bild.
Cord Allman / das Handwerk
Auch der Hintergrund gehört zu deinem Foto. Lass deinen Blick vor dem Auslösen an den Bildrändern entlangwandern. Ein kleiner Schritt kann ein Gesicht von einem Pfosten trennen, einen unruhigen Hintergrund vereinfachen oder einer Geste Raum geben. Bildgestaltung bedeutet zu entscheiden, was dazugehört und wie die Teile zueinander stehen.
Linien & Ebenen
Nutze einen Weg, ein Geländer oder einen Schatten, um die Aufmerksamkeit zu lenken. Vordergrund, Motiv und Hintergrund können einem flachen Bild räumliche Tiefe geben.
Raum & Gleichgewicht
Lass in der Blick- oder Bewegungsrichtung eines Motivs Platz. Leerer Raum kann Ruhe oder Einsamkeit vermitteln. Versuche auch, das Bild ganz auszufüllen.
Bildränder & Blickwinkel
Achte auf versehentlich angeschnittene Hände und Füße, schiefe Horizonte und ablenkende helle Ecken. Probiere höhere, tiefere, nähere und weiter entfernte Standpunkte aus.
Zoom ist nicht Fokus. An derselben Kamera zeigt eine kürzere Brennweite (die Millimeterangabe auf dem Objektiv) einen größeren Bildwinkel; eine längere Brennweite einen kleineren. Zoomen verändert den Bildausschnitt. Fokussieren wählt die Entfernung, die scharf abgebildet wird.
Probier das aus. Mache drei Aufnahmen, ohne das Objektiv zu wechseln: im Stehen, in der Hocke und dann einen Schritt zur Seite. Wähle die Aufnahme mit der klarsten Beziehung zwischen Motiv und Hintergrund.
Lektion 07
Brich die Regel.
Behalte den Grund.
Cord Allman / das Handwerk
Frag dich, wobei dir die Regel helfen sollte. Frag dann, ob eine andere Entscheidung diese Geschichte besser erzählt. Ein mittig platziertes Motiv kann direkt wirken. Ein Schatten kann etwas unausgesprochen lassen. Unschärfe kann Bewegung tragen. Mache die konventionelle Aufnahme, mache das Experiment und entscheide dann danach, was das Foto vermittelt.
Probier das aus. Mache eine Aufnahme, die einer Regel folgt, und eine, die sie bewusst bricht. Vervollständige für beide den Satz: „Ich habe das gewählt, weil …“ Behalte das Foto, dessen Grund du sehen kannst.
| Eine hilfreiche Ausgangsregel | Eine bewusste Ausnahme |
|---|---|
| Platziere das Motiv außerhalb der Mitte. | Setze es in die Mitte, wenn Symmetrie, Konfrontation oder zusammenlaufende Linien ihm Stärke verleihen. |
| Friere die Bewegung ein. | Nutze kontrollierte Unschärfe, wenn Bewegung das Gefühl ist, das du festhalten möchtest. |
| Zeige Details im Motiv. | Lass eine Silhouette durch ihre Kontur sprechen, wenn die Form die Geschichte trägt. |
| Halte den Horizont gerade. | Neige ihn bewusst, um Spannung zu erzeugen. Prüfe, ob es beabsichtigt wirkt oder nur ablenkt. |
Die Grenze, die bleibt: Kreative Freiheit respektiert weiterhin Menschen und Orte. Frage, bevor du jemandem Anweisungen gibst, respektiere ein Nein und hole eine Erlaubnis ein, bevor du einen Ort betrittst.
Lektion 08
Sichte das Bild. Dann verfeinere es.
Cord Allman / das Handwerk
Wähle den Moment, bevor du das Preset wählst. Prüfe Ausdruck, Fokus und Bildgestaltung. Passe Helligkeit und Weißabgleich – die Wärme oder Kühle des Bildes – an und ändere dann Kontrast und Farbe behutsam. Vergleiche mit dem Original. Behalte eine unveränderte Kopie und eine Sicherungskopie.
JPEG oder RAW? JPEG wird von der Kamera verarbeitet und kann sofort geteilt werden. RAW bewahrt mehr Aufnahmedaten für die Bearbeitung, benötigt kompatible Software und beansprucht meist mehr Speicherplatz. RAW+JPEG bietet beides, sofern unterstützt. Keines dieser Formate kann einen verfehlten Fokus oder alle ausgefressenen Lichter zuverlässig retten.
Eine Aufnahme ist misslungen. Was sollte ich prüfen?
- Das ganze Bild ist unscharf.
- Prüfe Verschlusszeit und Kamerabewegung. Halte die Kamera ruhiger oder stütze sie ab; teste eine kürzere Verschlusszeit.
- Der Hintergrund ist scharf, mein Motiv aber nicht.
- Prüfe den ausgewählten Fokuspunkt und den Fokusmodus. Wenn nur ein Teil des Motivs scharf ist, prüfe auch die Schärfentiefe.
- Mein Foto wirkt orange oder blau.
- Prüfe Weißabgleich und Mischlicht. Passe die Einstellungen für ein glaubwürdiges Ergebnis an oder behalte einen Farbstich bewusst bei.
- In den hellsten Bereichen sind keine Details zu sehen.
- Probiere eine dunklere Belichtung und prüfe erneut. Eine Überbelichtungswarnung kann helfen; verlorene Details lassen sich bei der Bearbeitung möglicherweise nicht zurückholen.
- Das Foto wirkt überladen.
- Ändere deinen Standpunkt, vereinfache den Hintergrund oder wähle einen engeren Ausschnitt. Entscheide, worum es im Bild geht.
Lektion 09
Ein Spaziergang. Sechs bewusste Fotografien.
Cord Allman / das Handwerk
Nutze eine Kamera und einen Ort. Suche einen sicheren, zugänglichen Platz und nimm dir zwanzig Minuten Zeit. Du kannst die ganze Übung zu Hause machen. Mache diese sechs Aufnahmen und wähle dann eine aus, die du besser verstehen möchtest.
- Ein Drittel. Platziere das Motiv nahe einer Rasterlinie.
- Eine Mitte. Gib demselben Motiv die Mitte.
- Ein Schatten. Lass das Licht eine Form beschreiben.
- Eine Bewegung. Wähle Stillstand oder Unschärfe.
- Ein Detail. Geh näher an etwas Kleines heran.
- Eine Ausnahme. Brich eine Regel mit einem Grund.
Wenn du zurückkommst: Was fällt dir zuerst ins Auge? Was lenkt davon ab? Was würdest du nächstes Mal ändern? Behalte eine Aufnahme und eine Erkenntnis.
Cord Allman
less we fear the fall
Criminal Code
Geh jetzt und mache die Aufnahme, die nur dir aufgefallen wäre.